ColibriVentura
GUIDING in PATAGONIA

Besteigung Denali (Mt. McKinley), 6192 m

1994 Mai - Alaska

denali1 Fünfwöchige Expedition, Besteigung des Denali über die Normalroute (West Buttress)-Solo.

Es war Freitag, und ich ging erleichtert den vier Kilometer langen Weg von der Straße hinauf zu meiner Hütte. Zwei Semester meines Studiums an der Universität von Alaska Fairbanks (UAF) waren vorbei, die letzten Prüfungen geschafft. Jetzt konnte ich mich auf mein schon lange geplantes Bergabenteuer freuen, einen Besteigungsversuch des Denali (6192 m). Gestern hatte zudem einen Zettel von Dave im Wood Center (Universitätsmensa) an der Pinnwand gehangen. Er suchte einen Mitfahrer nach Talkeetna. Das klappte ja alles prima.

Vorher mußte ich noch eine Menge klarmachen. Zuerst einmal sollte mein Hund Ama über die Zeit meiner Abwesenheit keinen Hunger leiden. Also informierte ich Shann, ihr genug Fressen zu geben. Die Hütte bedurfte gründlicher Reinigung, und auch meine Utensilien für den Bergurlaub wollten gepackt sein. Am Abend donnerte Butsch mit seinem Truck heran. Wir hatten eine vorzügliche Grillpartie, mit einer Menge Budweiser. Dafür ging es mir am nächsten Morgen schlecht. Der Rucksack war gerade gepackt, da kam Dave auch schon. Wir fuhren den ganzen Nachmittag, bis spät hinein in die Nacht. Dann ging uns der Sprit aus, und wir schliefen vor einer Tankstelle. Um 6:00 Uhr machte die Tankstelle auf, und es ging weiter.

Frühmorgens kamen wir in Talkeetna an. Das Wetter war äußerst unerfreulich, es nieselte, und eine nasse Kälte durchdrang die Klamotten. Gegen 7:00 Uhr machte ich mir ein Frühstück. Ich hatte mich auf Anraten von Timothy Rawson, Foreign Students Advisor an der UAF und vorzüglicher Bergsteiger, für Talkeetna Air Taxi (TAT) entschieden. Sie würden mich und meine Ausrüstung zuverlässig von Talkeetna zum Kahiltnagletscher befördern. Gegen 9:00 Uhr wurde es bei Talkeetna Air Taxi (TAT) unruhig. Aber noch war das Wetter viel zu schlecht, um an einen Flug zum Gletscher auch nur zu denken. Ich begab mich zur 500 m entfernten Rangerstation und ließ mich aufgrund meines 'solistischen Ansinnens' bestimmt 2 Stunden belehren. Immer wieder wurde ich gefragt, ob ich denn wirklich allein in dieses Abenteuer gehen will. Eigentlich wollte ich das nicht. Geplant hatten wir alles zu dritt, aber wie das so immer ist: Joachim, ein Schwede, hatte sich frisch verliebt und wollte nun keinerlei Risiko mehr eingehen, und die dritte Aspirantin teilte mir drei Tage vor Beginn der Reise mit, dass sie doch lieber mit einigen Jungs mitgehen wolle, die mehr draufhaben als ich. Knallhart und emanzipiert diese Frauen heutzutage, da konnte mann nichts machen.

David Lee, Chefpilot von TAT ließ es ruhig angehen. Das Wetter war noch immer nebelig, doch es schien so langsam aufzuziehen. Ich konnte mich inzwischen mit Laco (28), einem Slowaken , und Viktor (25), einem Tschechen, über die Schwierigkeiten des bevorstehenden Aufstiegs unterhalten. Viktor hatte noch keine Verpflegung. Er hatte sich ganz kurzfristig entschlossen, doch mal einen kleinen 'Abstecher' zum Denali zu unternehmen. Zu dritt kauften wir für ihn ein. Mir wurde schummrig bei dem Gedanken, dass dies für 3 Wochen am Berg ausreichen sollte, wie mir Viktor versicherte. Gegen Abend beschloß David, einen Flug zu versuchen. Ich flog in der ersten Fuhre mit (US$ 150), zusammen mit zwei Amerikanern, Steve und Rick. Nach nur 30' Flug landete die mit Schneekufen bestückte Cessna 185 gegen 19:30 Uhr auf dem Kahiltna Gletscher. Davids Cessna verschwand nach ein paar Minuten wieder in den Nebelschleiern Richtung Talkeetna. Nun war ich auf dem Kalhiltnagletscher, am Ausgangspunkt meiner Besteigung des Denali.

Der erste Tag auf dem Gletscher: Heute habe ich mir doch direkt einen Sonnenbrand geholt. Meinen Schlitten habe ich an meinem Klettergurt befestigt und mich dann mit Laco und Viktor unangeseilt über den Gletscher bewegt. Die Spur war ausgefahren und tief verschneit, es schien kein Risiko dabei zu sein (heute würde ich solchen Leichtsinn verurteilen und nie mehr unangeseilt über jeden noch so sicher erscheinenden Gletscher gehen, Erfahrung macht klug...). Aller 50 m standen "wands", das sind Markierungsstäbe aus Bambus mit reflektierenden Fähnchen. Andauernd zogen Leute an uns vorbei, weiter oben mußte irgendwo ein Nest sein. Heute morgen schon waren wir vor einem Kamerateam von "Good Morning America" geflüchtet.

Unseren Zeltplatz suchte Laco akribisch einzuebnen, damit auch ja keine Unebenheit mehr blieb. Nach 2 Stunden konnten wir endlich hineinkriechen und unser Abendbrot genießen.

Samstag morgens wachte ich auf 3200 m Höhe auf. Fast ein neuer Höhenrekord für mich. Heute sollte ich nur 400 Höhenmeter bewältigen. Mein Schlitten erwies sich als echt belastend. Wieder gingen wir ohne Seil. Diesmal knackte es schon einige Male unter mir, und ich machte mir so meine Gedanken. Immerhin war es jetzt (07.05.) noch recht kühl hier oben, wie sollte das in 3 oder 4 Wochen aussehen? Ich sollte es erfahren...

Ich kam mit einer halben Stunde Verspätung ins Lager. Das Zelt war zum Glück schon aufgebaut. Wir trafen eine deutsch-schweizerische Expedition. Sie hatten Ausrüstung vom Feinsten, besonders beeindruckten mich ihre One Sport Bergstiefel der Marke Everest. Mit diesen Schuhen konnten einem sogar tiefste Temperaturen nichts anhaben, versicherte mir Rafael, ein Schweizer.

Die Temperatur fiel von +10 Grad Celsius auf -10 Grad Celsius. Kein Problem für mich, ich war kälteres gewohnt. Es schneite und war nebelig, Laco bestand darauf, dass wir noch einen Tag verweilten. Die Kolonne der Bergsteiger zog den ganzen Tag durch das Schneetreiben an uns vorbei. Eigentlich fühlte ich ich mich ganz okay in meinem Schlafsackkokon.

Irgendwann jedoch zogen wir weiter, zu Lager 4, kurz unterhalb von Windy Corner. Besonders der letzte Hügel vor dem Camp bereitete mir schier unglaubliche Schwierigkeiten. Wie ein Maulesel zerrte ich den Schlitten die nun doch schon 20prozentige Steigung hinauf. Die Schuhe hingen nicht so fest in den von Butsch geborgten Armeeski. Jedenfalls richteten wir in diesem Lager ein Depot ein und entschlossen uns, nur noch mit Rucksack in zwei Fuhren über die windige Ecke zu gehen. Von hier aus sollen es noch 2 h bis zur 'Windecke' sein, weitere 1,5 h bis zum eigentlichen Basiscamp auf 14200' (4350 m). Wieder hatten wir Glück und fanden eine fertige 'Schneeburg' vor, die wir nur noch mit unserem Zelt ausstatten mußten. Während Laco und Viktor wieder einmal 2 h den Zeltboden bearbeiten, koche ich in unserer in den Schnee gestochenen "Outdoorküche". Für die beiden gibt es leckere Suppe, für mich etwas Biosorbin. Seit Samstag habe ich mich auf dieses Pulver umgestellt, um die Aussage von Herrn Robert Peroni aus Bozen zu überprüfen, nach dem eine ausschließlich aus Biosorbin zusammengestellte Nahrung deutliche Vorteile bei der Leistungsfähigkeit am Berg bringen sollte. Die Aufnahmefähigkeit des Blutes für Sauerstoff sollte sich drastisch verbessern. Schon 1993 hatte ich das Pulver, welches u.a. zur Ernährung von Patienten, die Nahrung nicht mehr auf normalem Wege aufnehmen können, in Grönland testen können. Die Firma Pfrimmer Nutricia überließ uns dankenderweise die benötigten Mengen. Den Rest wollte ich jetzt aufbrauchen. Jeden Tag mußte ich nun maximal 7 Beutel "verdrücken", mehr bekam man auch nicht hinunter. Das Pulver eines Beutels wurde mittels Schneebesen im warmen Wasser aufgelöst und mit einem der mitgebrachten Schoko- oder Bananearomenbeutel versetzt. Es gab zwar auch noch Tomate- und Geflügelgeschmack, aber diese Variationen waren nicht mein Fall. Kredenzt wurde das Ganze dann als Shake und floß wirklich super cremig "in einen rein". Leider gab es einen kleinen Nebeneffekt. Ähnlich wie Kaffee oder Tee bewirkte dieses von manchen auch als Astronautencocktail bezeichnete "Getränk"  eine vermehrte Dehydrierung.

Auch am Montag, den 09.05. blieben wir im Lager 4 . Das Wetter war schlecht, Schneetreiben und Nebel. Viktor war sauer, wäre es nach ihm gegangen, wäre er schon wieder vom Gipfel herunter. Wir beschlossen, alles auf einmal zum Basislager zu schleppen, so würden wir den verlorenen Tag wieder einholen. Heute haben wir ein paar Leute aus der Ukraine getroffen, sie haben noch vor zwei Tagen in Moskau gefrühstückt! Um 23:30 Uhr gingen wir erst ins "Bett".Der arktische Sommer war nicht mehr fern, und sogar kurz vor Mitternacht war es noch hell.

Die Nacht über hatte es 50 cm geschneit, aber trotzdem schienen das für andere Bergsteigertrupps super Bedingungen zu sein. Ganze Karawanen brachen heute zum Basislager auf. Gegen Mittag kam der Sturm. Ich mochte gar nicht wissen, was jetzt da oben an Windy Corner so abgeht! Jedenfalls sah Laco nach Verrichtung eines persönlichen Geschäfts gar nicht so gut aus, der Sturm hat ihn voll überrascht! Wir warteten den ganzen Tag, und es gab genug Kurzweil. Laco erzählte von seiner Besteigung des Aconcagua, und ich machte natürlich beide Ohren weit auf, fragte ihn nach allen möglichen Einzelheiten. Die hohen Wälle unserer Schneeburg beschützten das Zelt vor den böigen Winden, die draußen alles kreuz und quer zu wirbeln schienen.

Mittwoch war es nun endlich soweit. Ich sollte Windy Corner kennenlernen, jenen Platz, der mich schon seit jeher in seinen Bann zog. Ich glaube, zuerst las ich über Windy Corner in einem Buch namens "Berg ohne Gnade", später durchforstete ich alle Bestände der Abteilung "Polar Regions" in der Rasmussen Bibliothek in Fairbanks. Ich hatte jede Menge Respekt vor diesem Teil der Route.

Mit über 40 kg auf meinem Rücken machte ich mich auf den Weg, und irgendwie war dann doch alles ganz einfach. Die windige Ecke gebärdete sich ziemlich windstill, die Sonne schien und nur die Höhe und meine Last machten mir zu schaffen. Wieder einmal als letzter kam ich im Basislager an. Es zog sich auf einer Art Plateau vor der West Buttress (Westpfeiler) hin. Rechts und links des sich durch diese "kleine Stadt" schlängelnden Schneeweges gab es Iglus und Schneemauern um eine größere Anzahl von Zelten. Es herrschte ein reges Treiben. Wo waren Laco und Viktor? Ich stützte mich auf meine Stöcke und fragte den erstbesten "Typen". Er antwortete mir nur: Brutto bruttone, what are you doing here? You better go back to stupid Krautland and let us alone! Do you need any Cortison? Das war zuviel. Später sollte sich herausstellen, dass dies alles bloß ein Witz eines etwas durchgeknallten italienischen Skilehrers war, aber ich ließ mich erstmal fallen. Ich baute langsam und mit Mühe mein Zelt auf, und zerbrach dabei gleich die Schneesäge vom Team Denali X, die mir Mike Burns geliehen hatte. Was für ein glorreicher Tag ging da zuende. Aber es tat gut, wieder einmal allein im eigenen Zelt zu liegen, ohne Laco oder Viktor.

Heute Nacht habe ich zum ersten Mal meinen zweiten Schlafsack benutzt. Wahrscheinlich war der Grad meiner Erschöpfung so groß, daß selbst der Tangerine Dream Schlafsack, der normalerweise bis -30 Grad C einsetzbar sein sollte, versagte. Am Morgen hatte ich leichte Kopfschmerzen, ich mußte unbedingt noch ein paar Tage akklimatisieren! Als Regel gilt eigentlich, daß man pro Tag nicht mehr als 300 Höhenmeter ansteigen und lieber unten als oben schlafen sollte. Aber wenige scheinen soviel Zeit zu haben. Die meisten wiegen sich hier im Basislager in Sicherheit. Es gibt einen fest stationierten Arzt, und auch ein spezieller Hubschrauber kann das Camp anfliegen, ja sogar auf dem Gipfel landen. Viktor habe ich meine zweite Isomatte und eine Fleecehose gegeben, er hatte überhaupt nichts dabei. Ein paar Jungs von der Army kamen mit einem Rettungsschlitten vorbei, als ich meinen Schneewall verstärkte. Sie brachten ihren Kameraden zur Arztstation. Er hatte AMS (AMS=Acute Mountain Sickness). Ihm wurde mit einem schnellen Abtransport in sauerstoffreichere Gefilde geholfen.

Mittlerweile hatte es sich eingeschneit, und ich lag in meiner Burg, hörte mir Kassetten an und fühlte mich einfach nur gut. Ich hatte noch für zwei Wochen Essen dabei, das sollte doch ausreichen?

Der eine Ukrainer, Viktor Grischenko aus Kiew war heute im Basislager eingetroffen und wohnte mit bei mir. Sein Kollege, ein sog. "Polarnik" schneite gestern kurz vor dem Dunkelwerden in Laco's Zelt hinein und legte sich einfach, ohne groß um Erlaubnis zu fragen, dazu! Das war dem Laco gar nicht recht, und er beschwerte sich heute auch gebührlich bei mir. Polarnik hat den Höhenkoller, wie Laco sich ausdrückte. Er filmte bloß und half wenig. Jedenfalls wolle er morgen wieder hinab, meinte der Ukrainer.

Von hier aus seien es noch etwa 5 Stunden bis zum Gipfel, sagte man uns. Laco war in früheren Zeiten das Messner Couloir mit Ski hinabgefahren. Voller Respekt hörte ich mir seine Erzählung an.

Das Wetter blieb weiter konstant schlecht, so dass man sich nicht dem Marsch zum Hochlager, sondern lieber seiner Ausrüstung widmete. Meine Steigeisen paßten einfach nicht ordnungsgemäß über die selbstgefertigten Isoliergamaschen, so schnitt ich kurzerhand jeweils vorn und hinten zwei Öffnungen in die Gamaschen hinein. Noch immer ergab das keinen bombenfesten Sitz. Irgendetwas würde mir schon noch einfallen, dachte ich mir. Der Weg zum Gipfel des Denali ist weit und kalt, ich mußte einfach bestens vorbereitet sein. Ich unternahm in den darauffolgenden Tagen einige Touren die West Buttress hinauf , um mich gebührend zu akklimatisieren. An der höchsten Stelle setzte ich mich in den Schnee, trank ein wenig Biosorbin und wartete 2 bis 3 h, bevor ich wieder abstieg. Viktor Grischenko war mit Polarnik nach unten gedüst und kam am Sonnabend abend mit Zelt für Polarnik und seiner restlichen Ausrüstung wieder. Es ist schon ein Wahnsinn gewesen, was dieser 51jährige drahtige kleine Mann für einen dünnen Schlafsack verwendet hat. Das konnte ich nicht mit ansehen, und habe ihm meinen zweiten Schlafsack geborgt. Und gegen sechs Uhr sonntags in der Früh machte er sich auf zum Gipfel. Ich kochte ihm noch Tee, weg war er. Draußen war es bitterkalt, und ich legte mich bei dem Gedanken, Viktor durch die klirrende Kälte zu begleiten, schnell wieder hin.

Mit 15 kg auf dem Rücken lief ich gegen 9:00 Uhr doch los. Mein Zelt blieb bei Laco, er oder Viktor sollten es heute später nach oben bringen. Sie wollten den Rescue Gully, einen direkten Anstieg zum Hochlager auf 5100 m benutzen, ich ging auf dem Normalweg über die West Buttress. Die ersten 500 m hatte ich schlicht a..kalte Füße, nur durch kontinuierliches "Beinschwingen" und Zehenübungen wurden sie dann doch warm. Auf etwa 4700 m fing der von großen Spalten durchzogene Hang an in einen Eishang von vielleicht 30 Grad Neigung überzugehen. Gut, dass alles mit Fixseilen versichert war.. Oben angelangt, nahm ich erstmal einen kräftigen Biosorbinshake, und schon sah und schmeckte alles vorzüglich schokoladig. Über den Grat des Pfeilers ging es nun 300 Höhenmeter schön sachte ansteigend ins Hochlager. Gegen 14:00 Uhr war ich da. Ziemlich erschöpft kochte ich mir erstmal etwas. Auf dieser Höhe von etwa 5100 m dauerte das ewig. Gegen 16:00 Uhr kamen Viktor und Laco mit dem Zelt. Viktor ging gleich noch weiter, er wollte zum Denalipaß. Laco verschwand gegen 20:00 Uhr wieder, hinunter in den von oben beängstigend steil erscheinenden Rescue Gully. Hier oben traf ich dann die deutsch/schweizerische Expedition wieder. Jürgen, ein Lotteriebudenbesitzer vom Bodensee, will mit in meinem Zelt schlafen. Nur gut, dann ist es nicht so einsam. Gegen 20:00 Uhr kam der Schweizer Peter Weber vom Denalipaß ins Camp gelaufen. Er wollte wohl oben auf dem Gipfel gewesen sein, verstrickte sich aber vor seinen Kameraden in Ungereimtheiten. Trotzdem ließ er sich feiern wie ein Held. Grischenko und ein Engländer, den Grischenko 100 m unter dem Gipfel traf, hatten jedenfalls nichts von "speedy gonzalez" Peter gesehen. Mir war das herzlich egal, jeder muß selbst mit sich, seinem Ego und seinen Behauptungen klarkommen. Im Endeffekt zählt der Weg, zählen die Erlebnisse, die man auf diesem Weg, in dieser Zeit durchlebt hat, vielleicht mehr als irgendein Gipfel.

Kurz, nachdem sich Laco verabschiedet hatte, bemerkte ich einen Punkt am Denalipaß, das mußte Grischenko sein. Ich warf meinen Kocher an und schaffte es gerade noch, ihm einen halben Liter Wasser aufzutauen, bevor er 21:00 Uhr das Hochlager erreichte. Er schwankte und war ziemlich abgekämpft. Ich machte mir Sorgen: ob er denn nicht besser oben bleiben wollte, doch er mußte noch nach unten. Also gab ich ihm noch einen Snickers und langsamen Schritts ging er weiter über die West Buttress ins Basislager. Diesen Abend konnte ich vor lauter Aufregung nicht einschlafen. Jürgen gab mir eine Schlaftablette.. Die Nacht schlief ich sehr schlecht und brachte am folgenden Morgen mein schönes Abendbrot wieder außenbords. Die Deutschen und Schweizer gingen los, einigen von ihnen war speiübel. Sie bekämpften diesen Zustand mit Tabletten. Man hatte ja bezahlt, es war die einzige Chance, der Abflug war gebucht, es wird schon gutgehen. Zum Glück ging es gut, wie ich später erfuhr. Nur ich konnte mich zu diesem Zeitpunkt nicht entschließen, Richtung Gipfel aufzubrechen. Mir ging es überhaupt speischlecht! Mit Mühe baute ich das Zelt zusammen und vergrub es in einem Schneeloch. Mike und Clay aus Fairbanks begleiteten mich den Grat zur West Buttress hinunter. Danke, Jungs! Ich ging zwar völlig selbstständig, aber Eure Anwesenheit hat mir doch etwas Sicherheit gegeben. Kurz vor dem Headwall traf ich einen Arzt, der zusammen mit einer Gruppe von Vernon Tejas unterwegs war. Er stellte AMS (Akute Bergkrankheit) bei mir fest, ich sollte mich lieber schnellstmöglich die Fixseile hinabseilen, was mir auch gut gelang. 200 Höhenmeter tiefer ging es mir wieder prächtig, in langen Sätzen schnellte ich dem Basecamp entgegen, auch ein paar "glissades" waren drin.

Es war Dienstag, 17.05.1994, Laco und Viktor gingen heute über den Rescue Gully Richtung Gipfel. Das Wetter war bombastisch, einige Seilschaften sind sofort losgezogen. Voll Bewunderung beobachtete ich den ganzen Tag über 2 Kletterer, die in eine Eiswand links des Normalweges eingestiegen waren. Ich wußte nicht, dass ich sie gegen Abend das letzte Mal sehen würde. Sie schienen immer langsamer voranzukommen. Die ganze Nacht über hoffte ich, sie würden durchkommen. Am nächsten Morgen wachte ich von einem seltsamen Geräusch auf und lugte durch den Schlitz in Laco's Zelteingang hinaus. Wieder war die Rettungstrage im Einsatz. Sie gingen zu den Fixseilen. Verdammt!!!

Den ersten brachten sie am Vormittag. Er hatte erfroren in einem der letzten Fixseile gehangen, Erschöpfungstod. Den zweiten suchte ein speziell für große Höhen einsatztauglicher Helikopter den ganzen Tag. Das unheilschwangere Gedröhn der Rotorblätter tauchte auf und verschwand wieder hinter dem Kamm, der zur West Buttress führte. Banges Hoffen, vielleicht hat er überlebt. In jedem dieser nicht endenden Momente habe ich innigst gewünscht, dass er überlebt.

Sein Schicksal war gegen ihn. Mit dem Helikopter wurde er nach unten geflogen.Betroffenheit machte sich im Basislager breit. War es das wert?

An diesem Tag endet mein Tagebuch. Heute, da ich dies niederschreibe, sind 5 Jahre vergangen. Trotz allem erscheinen mir die Tage am Denali noch so klar und lebendig , als wäre alles erst diesen Sommer geschehen.

Ich war mir auf einmal nicht mehr sicher, ob ich es wagen sollte, ein zweites Mal da hinauf zu gehen, denn es war schon gewagt, dieses "Abenteuer". Das Wetter war die kommenden Tage sehr schlecht. Ich beschloß zunächst, mich erstens ein für allemal von dieser Biosorbinkost, die sich für mich persönlich als untragbar am Berg erwiesen hatte, zu lassen. Zweitens wollte ich große Vorsicht walten lassen und möglichst viele subjektive Risikofaktoren ausschließen. Langsam päppelten mich die Nahrungsmittel wieder auf, die mir die in Richtung Talkeetna gehenden Bergsteiger überließen. Hier im Basislager konnte man super überleben. Fast jeder hatte zuviel heraufgeschleppt und war nun froh, etwas dazulassen, und nicht alles wieder hinunter befördern zu müssen. So übrigens kam auch "Cortison", mein italienischer Freund und Spaßvogel, einen ganzen Sommer lang über die Runden. Einige Freaks hatten sich tolle Iglus gebaut und waren diesen Sommer mehrere Monate im Basislager - skifahrend, sonnend, Radio hörend. Billiger ist kein Urlaub, sagte mir Cortison einmal. Das Wetter blieb schlecht, immer mehr Gruppen zogen ab. In der Zwischenzeit lernte ich die Männer von Denali X näher kennen. Mike, Steve, Chuck und ? kamen aus Seattle, waren seit Jahren ein Team und hatten sich nach einigen sehr erfolgreichen Expeditionen in Mexiko und den Cascades nun an den Denali gewagt. Wir spielten manche Stunde Schummelpoker in ihrem Iglu. Leider gab es auch eine traurige Nachricht. Meine abgesprungene dritte Aspirantin brachte sie. Sie war zusammen mit zwei Bergsteigern ganz in der Nähe an einem schwierigen Grat unterwegs, als der Vorsteiger plötzlich den Halt verlor und den Nachsteiger mit sich in die Tiefe riß. Sie selbst war zu diesem Zeitpunkt am Standplatz festgemacht, und das war ihr großes Glück. Ich konnte nicht verstehen, wie sie alles, was sich doch erst vor wenigen Tagen abgespielt hatte, einfach so ruhig wiedergeben konnte. Sie fragte mich, ob sie nun doch mit mir hochgehen könnte. Ich lehnte ab. Ich konnte einfach nicht anders.

Steve und Rick entschlossen sich ebenfalls, wieder abzusteigen. Sie mußten zurück nach Texas, wo sie als Piloten arbeiteten. Ich war ziemlich froh, als sie mir die Hälfte ihres Depots schenkten, welches sich schon in 4500 m Höhe befand. Viktor aus Tschechien war eines Tages trotz Schlechtwetter aufgebrochen und hatte es in einem Zuge von 4400 m bis zum Gipfel (6192 m) geschafft, eine Topleistung, aber auch etwas waghalsig. Beim Abstieg durch den Rescue Gully sei er in dichten Nebel gekommen und habe sich total verlaufen, erzählte er uns nach seiner Rückkehr spätabends. Nur durch Zufall gab es ein kleines Loch in der Nebelwand, und er erkannte, dass er völlig falsch war. Glück und Tragik liegen so dicht beieinander, wer bestimmt nun, was letztendlich geschieht? Wir waren froh über den guten Ausgang von Viktors Geschichte.

Ich vertrieb mir die Zeit im Basislager auch mit dem Videografieren interessanter Einzelheiten/Persönlichkeiten. Seit Talkeetna hatte ich meinen Hi8 Camcorder dabei. Leider würde ich dieses Video später nie zu Gesicht bekommen, da ich es Laco zur Verwahrung gab, der es mir jedoch bis heute nicht zurückgegeben hat.

Eines Morgens, nach etwa 10tägiger Warterei, war es dann soweit: der Wetterbericht verhieß Besserung. Ich ging zum Arztzelt und ließ mir die Sauerstoffsättigung meines Blutes checken. 83%, ein guter Wert. So versuchte ich nun zum zweiten Mal den Weg auf den Gipfel, wohl wissend, welche Gefahren auf mich lauerten. Die Gruppe von Vernon Tejas kam mir entgegen. Vern meinte, es sei an der Zeit für sie, abzusteigen. Sie hatten über eine Woche auf 4800 m (Eishöhle) und 5100 m ausgehalten. Wir wünschten uns gegenseitig nur das Beste, und ich stieg in die Fixseile ein. Es war bannig kalt, als ich wieder im Hochlager eintraf. Mein Zelt war noch da, eilig versuchte ich es aufzubauen. Das Gestänge ließ sich nicht zusammenschieben. Die Gummibänder waren durch die Kälte so unelastisch geworden, dass mir nichts weiter übrig blieb, als ein je 40 cm langes Bandstück aus jedem Gestängebogen herauszuschneiden. Endlich lag ich im Zelt und genoß meine Verpflegung von Steve und Rick. Die Nacht verlief diesmal recht gut, gegen Morgen hatte ich jedoch einen unwiderstehlichen Drang, mich an diametralen Stellen gleichzeitig zu entleeren. Es war katastrophal, aber danach ging es mir besser. Wahrscheinlich hatte ich zuviel dieser leckeren japanischen Nudelgerichte in mich hineingestopft. Den ganzen Vormittag kochte ich und kam schnell wieder auf die Beine. Am Abend, als andere Truppen eintrudelten, kam ich mir schon fast wie ein Lagerverwalter vor. Alle wollten am kommenden Tag sehr zeitig aufbrechen, ich konnte meinen Schweinehund jedoch nicht dazu bringen, mich in der Frühe aus den herrlich warmen Schlafsäcken zu pelzen. So verschlief ich den Aufbruch der anderen und machte mich erst gegen 10:00 Uhr auf den Weg. Meine selbstgefertigten Überschuhe ließ ich im Zelt. Ich konnte die Scherensteigeisen einfach mit ihnen zusammen nicht sicher an den Plastbergstiefeln befestigen. Lieber erfrorene Füße, als irgendwo runtergestürzt. Ergo kam die Beinkälte ziemlich schnell angekrochen. Also hielt ich mitten im Hang an, nachdem sämtliche Aufwärmübungen nicht fruchteten, und zog mir Außenschale und Innenschuhe meiner Asolos aus. Ich legte einen Handwärmpacken hinein (Achtung, guter Trick: Wegen der großen Kälte ist fast keine Luftfeuchtigkeit da. Ich habe die Packen deswegen immer etwas unter meiner Achsel 'angeschwitzt und angewärmt', das funktionierte.) Nach etwa 30' ging es meine Füßen superwarmgut, und mittlerweile hatte ich die Frühaufsteher am Denalipaß eingeholt. Es waren etwa 10 Mann, die immer schön in Reihe gingen. Ich schloß mich an, war aber so gut drauf (oder konnte mich nicht anpassen), daß ich sie überholte. Am Football Field, kurz unter dem Anstieg zum letzten Gipfelgrat, legten alle die letzten, entbehrlichen Gegenstände ab. Dann ging es noch ein paar Meter hinauf und vielleicht 100 m oder 200 m über den Grat zum höchsten Punkt. Jubilierend stieg ich voraus. Ich dachte nur immer: Mein Vater wird stolz auf mich sein. Wie ein Mantra sagte ich diesen Satz vor mich hin, immer und immer wieder. Wieso weiß ich auch nicht. Vielleicht hatte mir die Höhe schon zu sehr zugesetzt. Zwei Russen waren am Gipfel. Sie fotografierten mich, und stiegen hinab.

Es war ein gutes Gefühl, für ein paar Augenblicke dort oben ganz allein zu sein, ich dachte an meine Familie daheim in Deutschland und all die Hilfestellung, die sie mir so selbstverständlich für meine in ihren Augen "etwas verrückten" Unternehmungen gaben.

Gleich danach ich an den Abstieg. Das Wetter war grausam kalt, ohne Windchill Minus 40 Grad F , sagten die Ranger später. Die Sicht war schlecht, für den Nachmittag war eine Wetterverschlechterung angesagt. Nach 15' auf dem Gipfel nahm ich die russische Flagge, und machte mich auf den "Heimweg". Im Abstieg passieren 80% aller Unfälle, hatte ich mal irgendwo gelesen. Also schön aufpassen!!! Und doch geschah es, kurz unterhalb des Denalipasses. An einer Glatteisstelle stolperte ich über die eigenen Gamaschen und machte einen sicher komisch anzusehenden Satz. Ich war drauf und dran, Richtung Randspalten abzukullern. Instinktiv drückte ich mein Eisgerät in den Firn, und nach ein paar Metern hatte ich wieder die Kontrolle über mein Leben. An genau dieser Stelle, sagte man mir später, sei ein Kanadier vor einigen Tagen abgestürzt und konnte nur noch tot aus einer Randspalte geborgen werden. Konzentriert ging ich bis zum Hochlager, baute das Zelt ab, und war spätabends im Basislager.

Ich stieg weiter zum Skidepot ab. Die abschließende Abfahrt mit dem nur an Schnüren hängenden Schlitten und den in Seilzugbindungen ungenügend fixierten Asolos war eine heikle Erfahrung. Schließlich kam ich auf dem Flugfeld am Kalhiltnagletscher an. Inzwischen war fast ein Monat vergangen und die Spalten im Gletscher traten teils offen zutage. Ich kann mich noch an eine wunderschöne Frau erinnern, die mich aus dem Funkzelt heraus noch mit jeder Menge Fruchtsaft versorgte. Oder habe ich das alles nur geträumt? Ist ja auch egal...

PS:

Das Denali X Team hat es 1994 nicht geschafft. Zu klein war das Wetterfenster, das eine sichere Gipfelbesteigung ermöglichte. 1995 erreichten alle vier den Gipfel des Denali.


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Publiziert am: Donnerstag, 09. August 2007 (4349 mal gelesen)

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